DEN LEBENSHÄRTEN MIT HUMOR BEGEGNEN: „DIE ZÄRTLICHE GLEICHGÜLTIGKEIT DER WELT“

Adilkhan Yerzhanovs Film beginnt mit dem poetischen Bild einer Blume. Eine Biene ist irritiert, als Blut auf sie tropft, sie lässt sich aber dadurch nicht beirren. Dann Cut auf den harten Kampf des Lebens: zwei Männer, scheinbar ineinander verbissen, auf Leben und Tod. Die Bilder: jetzt schon wie aus einem Gemälde. Die Inhalte: jetzt schon existenzialistisch. Und so geht es weiter: Es erscheint ein Fenster, das erste von noch sehr vielen kommenden, und jedes von ihnen wird eine ganz besonders nachhaltige Schönheit ausstrahlen. Hier ist es ein Triptychon. Die Tochter, in einem knallroten Kleid, die unter dem Blick des Vaters von links nach rechts läuft. Auf der rechten Seite steht ein Glas am Fensterbrett und erst als die Tochter schon fast aus dem Bild ist, bemerkt man den Schmetterling darin. Dann fällt das Glas mit einem Windstoß zu Boden und der Schmetterling fliegt frei. Dann fällt der Vater. Selbstmord.

Er hinterlässt seine Tochter, seinen jungen Sohn und seine Frau mit einem Berg voller Schulden. Die Mutter bittet ihre Tochter in die große Stadt zu fahren, um ihren reichen Onkel um Hilfe zu fragen. Ein minutenlanges Rauszoomen auf die allein auf dem Stuhl verharrende Tochter. Würdevoll und stolz die Haltung. Voller Angst die Gestik. Der Hofangestellte, der am Anfang gekämpft und dazwischen den Jungen mit einer Clownsnase zum Lachen gebracht hat, will sie nicht alleine dorthin gehen lassen. Er schließt sich ihr an. Nun wandern beide von links nach rechts durch das Bild: Sie voran, immer noch mit dem roten Kleid und einem gelben Sonnenschirm, er hinterher, die Clownsnase mittlerweile mit einer Sonnenbrille ausgetauscht. Man muss doch gut aussehen in der großen Stadt!

Sie, die Gebildete, deren Bücher er heimlich über Jahre mitgelesen hat. Camus. Shakespeare. Sie, die weit über ihm steht und die er verehrt. Berührend die Szene im Café, wo er sich nicht traut die Eingeschlafene anzufassen, um sie zu wecken, als der Bus einfährt.

Bei dem Onkel in der Stadt angekommen, wird schnell klar, dass die Hilfe mit der Heirat ihrerseits und einem seiner Geschäftspartner zusammenhängt. Sie ist angewidert und lehnt diese Art der Hilfe ab. Zusammen mit ihrem Hofangestellten mietet Sie sich ein billiges Hotelzimmer an den Bahngleisen und beide versuchen in der Stadt Geld zu verdienen: Er schleppt im Eiltempo Lebensmittelsäcke, sie putzt im Krankenhaus. Beide sind unglücklich. Die Lichtstimmung in dem Zimmer jeden Abend: rot, wenn ein Zug an ihnen vorbeifährt, ansonsten schwarz, grau. Er malt Karikaturen und versucht weiter, als tragische Figur, sie zum Lachen zu bringen. Er malt ihr mit Kreide einen Ausflug ins Museum an die Wand. Sie schaut ihn dabei zwar liebevoll an, aber ihre Augen blicken trotzdem traurig. Die Mutter ist zu Hause verhaftet und ins Gefängnis gebracht worden, denn sie kann die Schulden ihres Mannes nicht zahlen. Bitter gibt sie ihrer Tochter die Schuld, als diese sie besuchen kommt. Nur, weil ihre Tochter zu stolz ist. Das rote Kleid leuchtet auch hier in der grauen, trostlosen Umgebung.

Frustriert geht die Tochter nun wieder zum Onkel, diesmal, um ihre Mutter aus dem Gefängnis freizukaufen, und lässt sich auf den Geschäftspartner ein. Es erweist sich: alle Versprechungen von einst waren gelogen. Er ist verheiratet und kann ihr zudem kein Geld geben. Sie wird in der Firma an den Nächsten weitervermittelt. Aber natürlich zahle er die Schulden, verspricht dieser, und natürlich löse er auch die Mutter aus dem Gefängnis frei. Natürlich. Ihr rotes Kleid: es wird schwarz. Ihr Pass wird einbehalten, damit sie nicht weglaufen kann.

Nun geht der Hofangestellte zunächst alleine weiter: er verkauft seinen einzigen Freund in der Stadt, der ihm in der Not damals den Job mit den Lebensmittelsäcken gegeben hat, mit einer Falschaussage an die Polizei. Er nimmt das Geld und kauft von der Familie des Freundes dessen Auto, sowie eine Waffe, und fährt zum Haus des Onkels. Sie freut sich über sein Kommen, zusammen suchen sie hektisch ihren Pass und als die Geschäftspartner hineinkommen, erschießt er sie ohne zu zögern. Der Onkel nickt ruhig. Beide rennen über die Leichen hinaus. Mit dem Auto fahren sie weit an einer Grenzlinie entlang. Man sehnt sich als Zuschauer auch schon nach dem idyllischen Zuhause. Was machen denn dort die Blumen? Was macht eigentlich der jüngere Bruder? Und man möchte schon, wie bei einem Märchen, auf ein: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann …“ hoffen, aber dieses ungute Gefühl dieser bedrohlichen Grenze wird bestätigt: Terroristen kommen und erschießen beide.

Und was essen wir heute? Döner?“, fragen die ermittelnden Polizisten später in einem der letzten Bilder. Wieder zwei Opfer. Tja. Nun. Der Wind weht weiter zwischen den Bäumen. Ein existenzialistisches Abenteuer, bis zum bitteren Ende.

Lügen, Betrug, Korruption, Existenzangst, Mord, die Absurdität des Alltags. Dazwischen immer wieder die naiven Bilder von Henri Rousseau, die Worte von Camus, das offensichtliche „Rot und Schwarz“ von Stendhal und natürlich ein Hauch von Shakespeares „Romeo und Julia“.

Nach seinem Regiestudium hat Adilkhan Yerzhanov viele Kurzfilme, Langfilme, sowie einen Dokumentarfilm inszeniert. Er weiß, was er da macht und er vertritt damit sehr überzeugend die neue, unabhängige Regiebewegung seines Landes Kasachstan. Hier hat er einen Film erschaffen, der einen Vergleich mit Roy Anderson zu Recht standhält, aber einen dann doch nicht ganz so düster zurücklässt. Trotz der Schwärze am Ende: es bleibt bis zum letzten Bild ein wunderschönes, bodenständiges und trotzdem verträumtes Märchen. Mit intelligenten Anspielungen und viel Feingefühl für die Szenen und die Charaktere. Auch wenn viel Bitteres deutlich wird, das Poetische siegt. Wer braucht schon Liebe in einer Gesellschaft? Das Augenzwinkern bleibt auch hier am Ende. Und jetzt Döner.

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